Annemarie Arndt
Bleib sauber!
Theaterstück
in zwei Aufzügen
Die Personen des
Stückes
Prolog & Zwischenspiel
Die Frau, Der Mann
1. & 2. Aufzug
Erster Herr, Zweiter Herr, Erste Dame,
Zweite Dame, Das Mädchen, Der Junge, Die Frau, Der Mann, Nadja, Zwei junge
Frauen, Zwei ältere Herren, ÄrztInnen, PflegerInnen
Prolog
Vor dem
geschlossenen Vorhang ein putzender Mann und eine Frau, die die Sauberkeit
nachprüft, hier und da die Nase rümpfend.
Die
Frau: Das
Kaffeekochen wäre nicht nötig gewesen.
Der
Mann (das Putzen intensivierend): Aber das hat doch gar keine Mühe
gemacht.
Die
Frau: Ich
wollte nur sagen, daß Sie sich nicht verpflichtet fühlen
müssen.
Der
Mann: Aber das habe ich doch gerne getan - und bei den vielen jungen Leuten,
die hier arbeiten.
Die
Frau: Ich
will Sie nur nicht überfordern. Wir wissen, was wir an Ihnen haben.
Wie geht es mit den
Kindern?
Der
Mann: Der Große ist jetzt bei der Bundeswehr. Da sorgen sie für
Ordnung.
Das kann dem nicht
schaden.
Die
Frau: Wieso,
hatten Sie mit ihm Probleme?
Der
Mann: Nein. - Er war schon immer sehr sauber. Mit einem Jahr war er trocken.
Aber Sie wissen ja,
wie Jungs so sind.
1. Aufzug
Ein Raum halb
Kinderzimmer halb Abstellkammer in einer oberen Etage eines Hauses mit einer
offenen Tür. Alte Matratzen, Decken und Kissen liegen herum. An einer Wand
steht ein Kleiderschrank und ein Bett, unter dem Bett eine Kiste. Ein nach
innen zu öffnendes Fenster an einer Seite.
Es ist
Nachmittag - Abend, von irgendwoher kommen Stimmen, aus einiger Entfernung. Zu
sehen ist niemand.
Erster
Herr: Was die Gegenkandidatin zum Oberbürgermeister hat als Putzfrau
kandidiert?
Zweiter
Herr: Ja, auf den Plakaten, mit Schrubber. 'Den Müll aus der Stadt
kehren.'
Erster
Herr: Na meiner Putzfrau würde ich das auch nicht überlassen - kein
Wunder, daß sie da verloren hat.
Erste
Dame: Mann hat ja gar keine Lust mehr einzukaufen, überall wird man
angebettelt.
Zweite
Dame: Ich geh schon gar nicht mehr in die Innenstadt.
Erster
Herr: In Leipzig ist es jetzt sauber, gar kein Vergleich zu hier.
Zweiter
Herr: Zu DDR-Zeiten war das richtig dreckig - unglaublich dreckig und
schäbig.
Erste
Dame: Die Ausländer meinen ja auch, sie könnten überall alles
hinwerfen.
Zweite
Dame: Die haben das halt nicht gelernt.
Zweiter
Herr (süffisant laut): Ja, da müssen wir sie wohl mal aufklären.
Zweiter und
erster Herr lachen.
Eine Tür
wird geschlossen, eine andere geöffnet - Schritte.
Eine
näherkommende Frauenstimme: So, hier könnt ihr spielen, und
vertragt Euch. -
Und Ihr räumt
alles wieder ein, was Ihr auspackt.
Ein Mann und
eine Frau in Kinderkleidung stürmen auf die Bühne.
Der
Junge zieht unter denm Bett eine Kiste hervor: Du bist doof.
Das
Mädchen: Ph!
Sie öffnen
einen Schrank mit alten Kleidern. Beide suchen eine Weile. Dann hat der Junge
eine Schirmmütze und einen Stock gefunden.
Der
Junge: Ich bin Polizist.
Das
Mädchen: Polizisten haben eine Uniform.
Der
Junge: Die Geheimpolizei nicht.
Wenn du nicht tust,
was ich sage, verhafte ich dich.
Das
Mädchen: Ach ja.
Der
Junge: Du mußt tun, was ich sage.
Das
Mädchen: Und sonst?
Der
Junge: Kommt der Stock zum Einsatz.
Das
Mädchen: Dann sperr ich dich in den Schrank. - Außerdem bin ich
eine Dame.
Sie zieht ein
Kleid hervor und Stöckelschuhe.
Der
Junge: Du bist gemein.
Das Mädchen
hat sich Kleid und Stöckelschuhe angezogen und schreitet durch das Zimmer.
Der
Junge stellt sich ihr mit dem Stock fuchtelnd in den Weg: Halt, hier
dürfen Sie nicht lang.
Das Mädchen
ignoriert ihn.
Der
Junge: Du bist gemein.
Das
Mädchen: Ich bin eine Dame und kleine Polizisten liegen mir zu
Füßen. - Sagen Sie, Herr Polizeimann, wo bekomme ich hier Lakritze?
Der Junge wendet
sich ab, geht in die andere Ecke des Zimmers, und beginnt den Verkehr zu
regeln: Halt - Stop - Weiter-
fahren -
Sie da, haben Sie
keine Augen im Kopf. Es ist rot. Sie sind verhaftet. Die Verkehrsregeln gelten
auch für Türken.
Das Mädchen
ist weiter als Dame hin und her gegangen, schnäuzt sich und
läßt das Taschentuch fallen, und fängt auch an zu reden.
Beide parallel.
Beide lauter
werdend.
Das
Mädchen: Ach,
das ist doch aber nicht nötig. Das ist sehr liebenwürdig von Ihnen. Ach, das Kleid ist doch nicht der Rede wert. Nein wirklich? Das Mädchen lacht Das kann ich Ihnen aber nicht anvertrauen. Sie würden mich gerne zu einer Lakritz einladen. Aber nur eine. Hier sitzt man schön. Ja, das Wetter. |
Der
Junge regelt weiter den Verkehr: Wenn Sie nicht gehorchen muß ich deutlicher werden. Los, jetzt. Können sie nicht hören! Der Junge prügelt mit dem Stock auf das Bett ein -
unartikulierte Laute von sich gebend. |
Das Mädchen
schubst den Jungen hin. Der Junge fängt an zu schreien.
Der
Junge: Das sag ich Mama!
Während der
Junge schmollend in der Ecke sitzt, stolziert das Mädchen wieder durch das
Zimmer.
Das
Mädchen: Das ist zu liebenswürdig von Ihnen.
Aber, nicht doch.
Sie machen mich ja ganz verlegen.
Meinen Arm?
Aber ja.
Ach.
Die Tür
geht auf und eine erwachsene Frau kommt herein, an der Hand ein Kleinkind im
Strampelanzug(auch eine erwachsene Schauspielerin). Um den Hals hat es einen
Riesenschnuller.
Die
Frau: Na spielt ihr, schön - das ihr euch so gut versteht.
Der
Junge: Ich bin ein Polizist.
Die
Frau: Das ist ein solider Beruf.
Der Junge regelt
wieder den Verkehr.
Das
Mädchen: Ich bin eine Dame.
Die
Frau: Weißt Du denn, wie sich Damen benehmen?
Das Mädchen
stolziert im Zimmer auf und ab.
Die Frau lacht.
Die
Frau: Ich habe euch die kleine Nadja mitgebracht. Ist sie nicht
süß. Sie möchte auch spielen.
Ich gehe dann mal
wieder nach unten.
Die Frau geht
ab.
Der Junge und
das Mädchen begutachten das Kleinkind. Das Kleinkind, noch immer an der
gleichen Stelle sitzend, schafft es nicht beide im Blick zu behalten.
Das
Mädchen stupst das Kleinkind mit dem Fuß an: Kannst du
sprechen?
Das Kleinkind
starrt ängstlich zum Mädchen.
Der
Junge tritt fester zu: Ob du sprechen kannst?
Das Kleinkind
starrt nun zum Jungen, dann wieder zum Mädchen.
Das
Mädchen kniet sich hin: Sag Mama - Mama - Mama - Mama - Mama
Das Kleinkind
lacht das Mädchen an, spuckt dann, Speichel tropft.
Das
Mädchen: Bist du blöd?
Das Kleinkind
lacht.
Das
Mädchen: Sag, ich bin blöd - blöd - ja, blöd.
Das
Kleinkind: Löd.
Der
Junge herumspringend: Blöd ist das Kind, blöd, blöd.
Blöd ist das
Kind, blöd, blöd.
Das
Mädchen: Halt die Klappe, du erschreckst es.
Das Mädchen
versteckt den Schnuller immer hinter dem Kopf des Kleinkindes, das hilflos den
Kopf wendet.
Das
Mädchen: Na, such den Schnuller - such!
Der
Junge: Such!
Das Mädchen
und der Junge werfen sich den Schnuller abwechselnd zu und tanzen im Kreis um
das Kleinkind.
Beide
schreien abwechselnd und überlappend: Such - Such den Schnuller - Such -
.. .
Das Kind
versucht den beiden mit dem Kopf zu folgen, wird immer ängstlicher und
fängt zum Schluß an zu heulen.
Der
Junge wirft den Schnuller in eine Ecke: Hol ihn dir!
Das
Mädchen: Ach dazu ist es zu blöd.
Sie tritt das
Kleinkind nochmal, dann kniet sie sich nieder und streichelt das Kind. Dabei
zieht sie immer wieder an Haaren, Ohren und kneift in das eine oder andere
Körperteil des Kindes.
Schritte auf der
Treppe sind zu hören. Die Kinder wenden den Kopf zur Tür. Ein Mann
tritt ein.
Der
Mann: Na, spielt ihr schön.
Dann
wendet sich der Mann zum Kleinkind: Na, was hat denn das kleine
Scheißerle?
Er sieht den Schnuller in der Ecke: Ach hast du den Schnuller ve